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Die Wochen und
Monate mit ihrem Sohn bedeuteten glückliche und wohltuende Stunden. Der Junge
brachte Freude in ihr manchmal so tristes Leben, denn die Erinnerung an Heiko
blieb in Claudia wach. Es gab oft Momente, in denen sie an die wundervollen
Jahre zurückdachte. Und wenn sie Sebastian nachdenklich beobachtete, ihn von der
Seite betrachtete, da kam es ihr vor, als sehe sie Heiko vor sich. Diese
markanten Gesichtszüge, der Ausdruck seiner Augen, das Lächeln, erinnerten
Claudia sehr stark an Heiko. Es schien ihr, als lebe er in Sebastian fort, als
sei sein Geist in ihm, schweigend, ohne sich bemerkbar zu machen, sie
beobachtend und kritisch musternd. Manchmal, da redete sie Sebastian ungewollt
mit Heiko an. Dann schaute er jedes Mal leicht verwirrt und mit seinen großen
Augen zu ihr hin. In kindlicher Verärgerung sagte er in solchen Momenten: „Aber
Mutti, ich heiße doch Sebastian und nicht Heiko.“
Hin und wieder,
da fragte er neugierig: „Wer ist das denn? Heiko?“ Dann spürte Claudia immer
wieder, wie ihr die Augen feucht wurden. Und sie antwortete mit gebrochener
Stimme: „Heiko, das ... das war dein ... Vati. Er ... er ist jetzt ... weit,
weit weg. Weißt du ..., er ist ein Engel. Ein wunderschöner Engel. Und er
beschützt dich mit seinen großen Flügeln, damit dir nichts
geschieht.“
Staunend hörte
der kleine Sebastian zu. Irgendwie schien er aber nicht so ganz zu verstehen,
was seine Mutter ihm sagte. Er fragte sie: „Warum ist er denn ein
Engel?“
Verlegen
entgegnete Claudia: „Nun, er achtet auf uns, passt genau auf, was wir machen.
Und er liebt uns sehr. Er ist immer bei uns. Aber wir können ihn nicht
sehen.“
Verwundert
schaute der kleine Sebastian seine Mutter an. Dann meinte er: „Aber ich will ihn
mal sehen. Ich weiß gar nicht, wie er aussieht. Er braucht doch keine Angst vor
uns zu haben. Oder fürchtet er sich vor uns?“
Claudia lächelte
und schüttelte den Kopf. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen traten.
„Nein, mein Schatz, er hat keine Angst vor uns. Ganz im Gegenteil. Wir können
ihn nicht sehen, weil er weit weg im Himmel ist ...“
„Und wie kommt
Papa von da zu uns? Im Flugzeug? Oder mit einer Rakete?“, wollte Sebastian
wissen und schaute seine Mutter mit großen unschuldigen Augen
an.
Claudia lächelte
zaghaft. „Nein, mein Schatz“, antwortete sie ihm. „Er sitzt auf einer Wolke. Und
wenn du mal abends zum Himmel schaust, dann siehst du die vielen funkelnden
Sterne. Einer davon, das ist dein Vati. Der schönste und hellste Stern, der am
größten ist ...“
Sebastian erhob
sich und tippelte zum Balkon. Er öffnete die Tür und trat hinaus. Dann schaute
er lange nach oben und bestaunte die vielen leuchtenden und glitzernden Punkte.
Er deutete mit seinen kleinen Fingern zum Himmel und sagte: „Das da ist mein
Vati. Der riesengroße Stern dort oben. Ich kann ihn genau sehen. Er hat gelacht
und mir gewunken.“
Sebastian
blickte gebannt und mit großen Augen zum Himmel, zu den vielen funkelnden
Sternen. Claudia nickte nur und lächelte. Sie spürte wieder deutlich, wie sie
sich jetzt nach Heiko sehnte, den sie so sehr vermisste. Aber sie konnte die
Vergangenheit nicht zurückholen, die war endgültig vorbei, niemand gab ihr ihren
geliebten Heiko wieder. Mit dieser Tatsache musste sich Claudia abfinden, ob sie
wollte oder nicht. Und gerade diese absolute Wahrheit stürzte sie immer aufs
Neue in tiefe Traurigkeit, in eine vergrämte Versteinerung, die ihr die Realität
in einem recht verschleierten Licht erscheinen ließ.
Nachdem Claudia
den kleinen Sebastian zu Bett gebracht hatte, saß sie noch eine Weile im
Wohnzimmer, um in einem Buch zu lesen. Sie lehnte ihren Kopf gegen das weiche
Polster und schloss für einen Moment die Augen. Dieses Treibenlassen der
Gedanken tat ihr gut.
Plötzlich
schreckte sie das laute Schlagen einer Tür hoch. Claudia öffnete die Augen. Da
stand auch schon ein junger Mann im Zimmer. Er wirkte sehr freundlich und
grinste. Claudia schätzte ihn auf etwa achtzehn Jahre.
„Wer sind Sie,
verdammt noch mal? Und wie kommen Sie hier herein?“, fragte sie
ängstlich.
Verwundert
schaute der junge Mann sie an. „Was ist los mit dir? Hast du geträumt? Ich bin’s
doch nur“, sagte er und kümmerte sich nicht weiter um
Claudia.
Er setzte sich
wie selbstverständlich in den Sessel gegenüber. Der Mann griff nach der auf dem
Couchtisch liegenden Zeitung und blätterte lustlos darin. Claudia war vollkommen
sprachlos und beobachtete ihn verblüfft.
Gereizt stellte
sie nach ein paar Sekunden nochmals ihre Frage. Der Mann schaute gelangweilt auf
und knallte wütend seine Zeitung auf den Tisch.
„Mutter,
manchmal glaube ich wirklich, du bist verrückt.“
Er erhob sich
und ging aus dem Zimmer. Claudia zuckte zusammen. Was hatte er da eben gesagt?
Mutter nannte er sie? Wer, verdammt noch mal, war das? Wie konnte er sie Mutter
nennen? Der Kerl benahm sich so selbstsicher. Ein schlimmer Verdacht kam ihr.
Sie musste unbedingt sofort Gewissheit haben.
„Sebastian!“,
rief sie deshalb und hörte zu ihrer Überraschung ein dumpfes „Ja“ aus der Küche.
Nein, sagte sich
Claudia, das kann doch nicht sein, das ist unmöglich! Was um alles in der Welt
war geschehen? Hatte sie fast zwanzig Jahre verschlafen? Oder hatte sie die
Erinnerung verloren? War sie jetzt wirklich verrückt? Nein, es musste ein Traum
sein, ein bitterböser Alptraum! Trotzdem, es erschien ihr alles so real, so
wirklich. Claudia erhob sich und torkelte ins Bad. Sie betrachtete lange ihr
Spiegelbild, musterte sich ganz genau und stellte fest, dass sie noch so jung
und frisch aussah wie am gestrigen Tag. Keine Fältchen waren hinzugekommen, kein
graues Haar, rein gar nichts! Fassungslos starrte Claudia ihr Spiegelbild immer
wieder an, nahe daran, den Verstand zu verlieren. Ging denn das nun schon wieder
los? Fast drei Jahre hatte sie ihre Ruhe gehabt, glaubte, es endlich geschafft
zu haben. Drei Jahre des Glücks und der Freude, der Ausgeglichenheit und der
Entspannung, auch wenn der kleine Sebastian sie mitunter kräftig nervte. Sollte
diese Zeit nur eine Farce gewesen sein? Knapp drei Jahre war sie bei Richard
Mertenstein in Behandlung gewesen und hatte gespürt, wie es ihr von Tag zu Tag
besser ging. Und Jetzt? Womöglich war alles umsonst gewesen. Hatte das Verderben
in ihr nur geschlafen, war heute wieder zu neuem Leben
erweckt?
Claudia dachte
zurück an Heiko, als er von unerklärlichen Phänomenen gequält wurde. Ereilte sie
nun das gleiche Schicksal? Oder war wirklich etwas dran an seinen Erlebnissen,
die nie aufgeklärt werden konnten? Man hatte ihn damals für verrückt gehalten
und ihn in die Klapsmühle gesteckt. Nun wurde sie mit ähnlichen Erlebnissen
konfrontiert.
Claudia holte
tief Luft und stapfte zurück ins Wohnzimmer. Dort saß Sebastian, auf beiden
Backen einen Toast kauend, vor dem Fernseher. Claudia spürte, wie ihr das Herz
klopfte. Aufmerksam musterte sie ihren Sohn, der sich plötzlich sehr verändert
hatte. Vor ein paar Stunden noch hatte sie einen kleinen Jungen zu Bett
gebracht. Und nun saß ein ausgewachsener Bursche von knapp zwanzig Jahren vor
ihr. Sie blickte ihn von der Seite an. Die markanten Gesichtszüge erinnerten an
den kleinen Dreijährigen. Seine Augenpartie hatte sich nicht sehr verändert.
Gut, er war ein bisschen älter geworden, aber mehr nicht. Was sollte sie jetzt
in dieser Situation nur sagen? Wie konnte sie ein Gespräch beginnen? Es fiel ihr
schwer, die richtigen Worte zu finden. Dann endlich schaffte sie es. Stockend
noch.
„Was, was hast
du ... wie ist dein Tag heute verlaufen?“, fragte sie
vorsichtig.
Sebastian
schaute sich zu ihr um.
„Ich war mit
Svenja im Katschmadun. – Sie kommt übrigens morgen vorbei, um dir die
versprochenen Unterlagen zu bringen“, antwortete er und kaute weiter auf seinem
Toast.
„Aha!“, staunte
Claudia nur, begriff aber überhaupt nichts.
Sie ging rasch
zur Küche hinüber, hier konnte sie ungestört nachdenken. Wer um alles in der
Welt war Svenja? Sebastians Freundin? Welche Unterlagen wollte sie
vorbeibringen? Das Katschmadun musste wohl eine Kneipe sein, von der sie noch
nie was gehört hatte. Claudia zerbrach sich fast den Kopf. Es war zum
Verzweifeln, ihr fehlte einfach ein ganzer Lebensabschnitt. Oder war sie durch
irgendwelche Umstände in ein Zeitloch geraten? In eine Periode der Zukunft, eine
Welt, die parallel neben der Wirklichkeit existierte? Wie aber kam sie dahin?
Vor ein paar Minuten schien doch noch alles völlig in Ordnung gewesen zu sein.
Sie hatte nur für einen Moment die Augen geschlossen. Sollte sie gar in diesen
paar Sekunden von der Zeit geschluckt worden sein?
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